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Ein paar Gedanken

Flugloch Beobachtung

Was bedeutet konzeptionell, wesensgemäss und bienengerecht?

Viele Fragen – und unter Imkerinnen und Imkern viele Meinungen. Was habe ich dazu zu sagen?

Zunächst möchte ich klarstellen: Ich habe das Imkerhandwerk weder erfunden noch will ich es neu erfinden.
Als Lehrperson und Autor meines Imker-Ratgebers möchte ich vor allem eines: konzeptionelle Abläufe für das Arbeiten mit Honigbienen aufzeigen und mein Handeln nachvollziehbar machen. So sollen interessierte Bienenmenschen weniger Lehrgeld zahlen und nicht so viele Umwege gehen müssen, wie ich sie selbst gegangen bin.

Ich musste mich lange und intensiv mit den Bienen auseinandersetzen, um zu verstehen, was ich ihnen zumute. Ich zwang sie in Lebensräume, die sie vermutlich nie gewählt hätten, und bot ihnen Behausungen, die bestenfalls Notlösungen waren. Ich stellte sie in ein Nahrungsumfeld, das andere Spezies in Existenzangst zu Wirtschaftsflüchtlingen gemacht hätte.
Mit meinen Eingriffen sabotierte ich ihr Hygieneverhalten – nach jedem Besuch mussten sich die Bienen gefühlt haben wie Opfer einer Naturkatastrophe, vergleichbar mit den Bildern aus der Tagesschau nach Erdbeben oder Wirbelstürmen.

Als gelernter Schreiner baute ich viele Bienenbeuten und Hilfsmittel, die ich manchmal sogar als grosse Erfindung betrachtete. Klotzbeuten entstanden aus meiner Werkstatt, bis ich entdeckte, dass die «Warré»-Beuten schon lange vor meiner Zeit erfunden wurden (Émile Warré, 1867–1951). Als ich meinen Weg als Imker hinterfragte, beschäftigte ich mich auch mit der Zeidlerei, der traditionellen Form der Bienenhaltung in kugelförmigen Baumhöhlen, in denen die Bienen ihrem natürlichen Bauverhalten folgen können. Ich freute mich über einen geschenkten Bienenkorb, versuchte aber dennoch, bewegliche Honigrahmen in meine Systeme zu integrieren.

Heute weiss ich: Um wirklich wie zu Grossvaters Zeiten unbeschwert zu imkern, müsste das Rad der Umweltzerstörung für mindestens 100 Jahre zurückgedreht werden. Umweltgifte dürften nicht mehr freigesetzt werden, vorhandene Rückstände müssten neutralisiert sein. Die Nahrungsgrundlage müsste im Überfluss vorhanden sein, so wie es Mutter Natur für Honig- und Wildbienen vorgesehen hat.
Selbst dann müsste noch die Varroa-Milbe verschwinden – ein Parasit, den wir Menschen durch Dummheit in das Leben der Honigbienen (Apis mellifera) gebracht haben.

Diese Erkenntnisse mögen zur Resignation führen. Es mag unerreichbar erscheinen, den Bienen in der von uns geschaffenen Welt ein gerechtes und gutes Umfeld zu bieten. Eine Alternative wäre, die Imkerei ganz aufzugeben und darauf zu hoffen, dass freilebende Honigbienenvölker ihre Welt zurückerobern.

Doch was tun? Resignieren und aufgeben? Oder weitermachen und so tun, als sei alles in bester Ordnung?

Aus meiner Sicht weder das eine noch das andere. Wie im Leben üblich geht es darum, das eigene Handeln kontinuierlich zu reflektieren, zu analysieren und offen für Neues zu sein – Herausforderungen und Chancen zugleich.

Buchautoren wie Jürgen Tautz, Wolfgang Ritter und Thomas D. Seeley haben mich darin bestärkt, bei meiner Arbeit mit Honigbienen stets ein Ideal anzustreben. Seeley zeigt in seiner Forschung, welches Habitat Bienen bevorzugen und welche Behausung optimal ist. Tautz ermutigt, den Bienen zuzuhören und genau hinzuschauen. Ritter liefert fachliche Grundlagen für die Praxis.

Mein Horizont erweiterte sich auch durch meine Tätigkeit als Bieneninspektor und Fachberater. Diese Rolle berechtigt mich nicht, mich als Elite-Imker zu sehen, aber ich durfte viele Menschen kennenlernen, die unterschiedliche Betriebsweisen praktizieren und spannende Einsichten hatten. Das Wertvollste war zu erkennen, was funktioniert – und was nicht. Ich begann zu verstehen, woran Imkerinnen und Imker sowie Bienen scheitern.

Von meinem Vater lernte ich früh Optimismus. Als die Varroamilbe in unsere Völker kam, wollte auch er zuerst aufgeben – die «Wabenzange in die Blumenwiese werfen». Gemeinsam kämpften wir gegen die Milbe – zunächst mit chemischen Mitteln wie Folbex, Apistan, Bayvarol und Perizin. Heute wissen wir, dass solche Stoffe zwar Bienenprodukte belasten, aber die Varroa nicht nachhaltig besiegen können. Die Ameisensäure brachte uns damals mehr Erfolg und ein besseres Gewissen und eröffnete eine Ära des dauerhaften Medikamenteneinsatzes in der Imkerei.

Mit 40 Jahren begriff ich schliesslich: Nachhaltige Varroa-Bekämpfung besteht in einer Betriebsweise, die den Reproduktionszyklus der Milbe unterbricht – und nicht erst bei grosser Milbenpopulation eingreift, wenn das Bienenvolk bereits geschädigt ist. Diese Erkenntnis prägt meine Völkerführung übers Jahr. Die Prämisse lautet: «So viel Medikamente wie nötig, so wenig wie möglich» – verbunden mit der Hoffnung, eines Tages ganz darauf verzichten zu können.

Honigbienen verfolgen seit Urzeiten eine komplexe Gesunderhaltungsstrategie, die Volks- und Bauerneuerung sowie Nahrungsversorgung sicherstellt. Ich habe versucht, dies in meine Betriebsweise einzubauen. Profiimker mögen einwenden, dass sich mit dieser Haltung kein maximaler Honigertrag erzielen lässt. Das mag stimmen, aber ich nehme diesen Nachteil zugunsten der Vorteile gern in Kauf.

Ich gestehe aber auch, dass ich eine Wirtschaftlichkeitsstrategie verfolge: Mein Betrieb ist zu klein, um davon zu leben, aber zu gross, um ihn als reines Hobby zu finanzieren.

Diese Wirtschaftlichkeit habe ich von den Bienen gelernt: Das Bienenvolk bestäubt Blütenpflanzen, ernährt sich dadurch und sichert nebenbei den Fortbestand seiner Nahrungspflanzen. Es schwärmt, um sich zu vermehren – eine knallharte, natürliche Selektion. Schwärme, die nicht leistungsfähig genug sind, werden im Winter ausgemerzt.

Der Schwarm ist die einzige natürliche Vermehrungs- und Volkserneuerungsstrategie der Bienen. Als Imker muss ich Schwärmen jedoch aus triftigen Gründen verhindern. Auch wenn ich weiss, dass die wertvollste Vermehrung nur aus dem Schwarmtrieb heraus erfolgt, darf ich Naturschwärme nicht unkontrolliert bilden lassen, weil sie in Gebäuden nisten und dort an Hunger, Parasiten und Krankheiten zugrunde gehen – ein erhebliches Seuchenrisiko für die Nutztierhaltung.

Aus diesen Gründen habe ich eine Managementstrategie entwickelt, die meine Betriebsweise prägt und die ich anderen Bienenmenschen gerne weitergebe.

Mein Wunsch ist es, dass meine Arbeit in ihrer Gesamtheit den Honigbienen hilft, während ihrer kurzen gemeinsamen Zeit mit uns Menschen auf dieser Erde gesünder und erträglicher zu leben.

Walter Gasser

imkerhandwerk
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